Tumult in Wertheim

Wir befinden uns in Wertheim. Wo die Tauber in den Main mündet, in Sichtweite des Spessarts, liegt die Residenzstadt der Grafen von Wertheim. Im Juli 1720 gab es dort gewaltigen Ärger zwischen den Schlossern der Stadt und den Beamten des Fürsten Dominik Marquard. Zwei Schlosser wurden verhaftet und in der Wachstube der Hofhaltung in der Mühlenstraße festgesetzt. Bürgermeister und Stadtschreiber verhandelten mit den Hofräten des Fürsten, erfolglos. Am 27. Juli läutet die Sturmglocke der Stadt. Das Volk läuft vor der Hofhaltung zusammen. Schließlich passiert das Undenkbare: Man stürmt die gleich hinter dem Tor liegende Wachstube, überwindet die Grenadiere und befreit die beiden Schlosser unter enormem Geschrei.
In der Befreiung kulminierten gleich mehrere Konflikte. Da war der immerwährende Streit zwischen einheimischen Handwerkern und Fremden: Konrad Schmitt, ein katholischer Schlosser aus Rothenfels, lebte in Wertheim und übernahm dort Aufträge. Dagegen protestierten die Wertheimer Schlosser, die den „Stümper“ von auswärts nicht dulden wollten. Im Grunde hatten sie Recht, denn Katholiken sollten sich in der evangelischen Grafschaft Wertheim eigentlich nicht niederlassen dürfen. Doch hier verläuft die nächste Konfliktlinie: Die Grafschaft war zwar evangelisch, aber die Obrigkeit in eine katholische Linie (die des Fürsten Dominik Marquard) und eine evangelische (deren Senior war damals Graf Ludwig Moritz) gespalten. Und Dominik Marquard hielt seine Hand über den katholischen Schlosser. Die Wertheimer griffen zur Selbstjustiz und nahmen Schmitt sein Werkzeug weg, Grenadiere von Dominik Marquard inhaftierten die beiden Schlosser in der Hofhaltung. Darüber empörte sich Ludwig Moritz: Ohne seine Zustimmung durfte in Wertheim nicht inhaftiert werden, fand er.
Zum Glück war beim Sturm auf die Hofhaltung niemand verletzt worden. Dominik Marquard schaltete hinterher den Fränkischen Reichskreis ein und beschwerte sich, Ludwig Moritz habe die Wertheimer zum Tumult gereizt und zur gewalttätigen Bestürmung seiner Residenz. Der Bischof von Bamberg (katholisch) und der Markgraf von Brandenburg (evangelisch) mahnten als Chefs des fränkischen Reichskreises zur Ruhe. Ums Haar wären aus den Vorgängen gefährliche und funeste Dinge entstanden, schrieben sie. Das heißt: Es hätte Tote geben können. Sie erinnerten die Wertheimer und ihre Obrigkeit an die Strafen, die für dergleichen in den Konstitutionen des Heiligen Römischen Reiches vorgesehen waren. Vielleicht wirkte die Mahnung. Jedenfalls hatten die eigentlich ungeheuerlichen Vorgänge in der Wertheimer Mühlenstraße erst mal keine weiteren Folgen.

Tag der Befreiung der Schlosser: 27. Juli 1720. Hauptquelle: Staatsarchiv Wertheim, R-Rep. 9 Nr. 79.

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